Liebe Freundinnen und Freunde des Filmwochenendes,

bald ist es soweit! In drei Wochen flimmern wieder viele tolle Geschichten aus aller Welt über die Leinwände des Bürgerbräugeländes, Popcorn Geruch liegt in der Luft und wir zelebrieren alle gemeinsam die Vielfältigkeit der Filmkultur.  Auch dieses Jahr ist für jeden Geschmack etwas dabei. Eine Thematik hebt sich hierbei besonders hervor.

Der Film ist schon immer ein Spiegel gesellschaftlicher Trends, politischer Debatten und aktueller Ereignisse. Filme mit Tiefe und Tragweite sind von Anfang an ein wichtiger Bestandteil des Programms des Internationalen Filmwochenendes Würzburg – so auch in diesem Jahr. Mit einer großen Zahl von Spielfilmen unterschiedlichster Genres und Dokumentationen beleuchten die Festivalmacherinnen und -macher in diesem Jahr das Leben von Frauen überall auf der Welt – von Japan über Saudi-Arabien und Kenia bis nach Grönland. Das Publikum kann Zeuge werden vom Kampf um Selbstbestimmung in archaischen Gemeinschaften, aber ebenso von der mangelhaften juristischen Aufarbeitung von Missbrauchsfällen gegen Frauen in Gesellschaften, die sich als modern und aufgeklärt ansehen. Zudem gibt es in Würzburg auch klassische Genrefilme wie Roadmovies oder Horrorfilme mit weiblichen Protagonisten zu sehen. Und nicht zuletzt haben die Organisatorinnen und Organisatoren darauf geachtet, das auch im Regiestuhl möglichst vieler Filme Frauen saßen. Lesen Sie im Folgenden die ganz persönlichen Filmtipps des Festivalteams zu diesem Schwerpunkt:

„Sariri“ (Chile, 2024)

Die Thematik der Gleichberechtigung und die Frage, inwieweit ein Mann über den Körper einer Frau bestimmen darf, ist ein wichtiges Thema beim Internationalen Filmwochenende. Der Film „Sariri“, der in einer chilenischen Wüstenstadt abseits der Zivilisation spielt, greift mit vielen Metaphern die Probleme zwischen traditionellen Männerbildern und den um ihre Selbstbestimmung kämpfenden Frauen auf. Die Regisseurin Laura Donosco schafft es, feinfühlig und mit wunderschönen Aufnahmen der chilenischen Wüstenlandschaft den Zuschauer bzw. die Zuschauerin zum Nachdenken über das Rollenbild der Frau in der Gesellschaft anzuregen. Vieles wird nur thematisiert, aber nicht eindeutig bewertet. Das muss jede Zuschauerin und jeder Zuschauer ganz für sich tun. (Nicole Stieger)

„Akiplėša“ (Litauen 2024)

Der litauische Film Akiplėša (Toxic) von Saulė Bliuvaitė erzählt die Geschichte der 13-jährigen Marija, die in einer trostlosen Industriestadt mit den Herausforderungen des Erwachsenwerdens konfrontiert wird. Gemeinsam mit ihrer Freundin Kristina taucht sie in die zwiespältige Welt einer Modelschule ein. Dabei werden ihre Träume, aber auch ihre Grenzen auf die Probe gestellt. In starken, kühlen Bildern zeigt der Film fast dokumentarisch Marijas und Kristinas Weg, geprägt von sozialem Druck, Bulimie, Scham und Selbstoptimierung. Gleichzeitig ist der Film eine präzise Analyse westlicher Schönheitsideale und ihrer Schattenseiten. Das Langfilmdebüt wurde 2024 mit dem Goldenen Leoparden in Locarno ausgezeichnet. (Thomas Schulz)

"Les femmes au balcon" (Frankreich 2024)

In dem französischen Genre-Mix "Les femmes au balcon" kommt es während einer landesweiten Hitzewelle unter Nachbarn in einem Marseiller Wohnkomplex zu einem blutigen Fiasko. Die feministische Horrorkomödie behandelt Themen wie Gleichbehandlung und Selbstbestimmung im Gewand eines Genrefilms – sehenswert! (Thomas Hofmann)

„Nawi“ (Kenia, Deutschland 2024)

Zum ersten Mal steht ein Film aus Kenia auf der Auswahlliste für den Oscar. Nawi schildert in schönen ruhigen Bildern die Lebenswirklichkeit eines Mädchens im Norden Kenias, wo gesellschaftliche Verpflichtungen und ökonomische Zwänge über der Lebensplanung eines begabten Mädchens stehen. Der Konflikt zwischen Bildung, Selbstverwirklichung und Loyalität zur Familie wird von der jungen Schauspielerin Michelle Lemuya Ikeny großartig dargestellt. Rinder und Ziegen sind nun mal wichtiger als ein Studium und eine Berufsausbildung. Ein Plädoyer gegen Kinderehen von zwei jungen kenianischen Regisseurinnen - unbedingt anschauen, selbst wenn nicht zu erwarten ist, dass ein Film aus Kenia einen Oscar gewinnt. (Gerhard Suttner)

„Norah“ (Saudi-Arabien, 2023)

„Norah“ ist der erste jemals beim Filmwochenende gezeigte saudi-arabische Spielfilm. Ein Mädchen, das in der Stadt aufgewachsen ist, erleidet zunächst einen Kulturschock, als es nach dem Tod ihrer Eltern bei Tante und Onkel in einem abgelegenen Dorf unterkommt. „Norah“ handelt vom grundlegenden menschlichen Bedürfnis, durch Kunst zu kommunizieren. Im Mittelpunkt stehen zwei ganz besondere Menschen, denen es gelingt, trotz des repressiven Verbots ihre Kreativität aufrechtzuerhalten. Dieser Film mit seinem konstanten, aber ruhigen Fluss und den sanften Wüstenfarbe und -tönen ist eine willkommene Erinnerung daran, dass es nie nur ein Ende einer Geschichte gibt. (Julie Barthel)

„Twice Colonized“ (Dänemark, Kanada, Grönland 2023)

Aju Peter, eine Anwältin aus dem Volk der Inuit, hat mich nachhaltig beeindruckt. Was für eine Power! Was aber auch für eine persönliche Offenheit in einem Film über die indigenen Völker der Arktis. Wie können Wunden heilen, die durch den Kolonialismus bis heute in den Familien präsent sind? „Twice Colonized“ hat mein Denken beeinflusst und gehört mit Sicherheit zu den Filmen, die ich für unentbehrlich halte. Danke auch an die dänische Regisseurin Lin Alluna, die diese wunderbare, kraftvolle Dokumentation zu einem wahren Sehvergnügen gemacht hat. (Birgit Pelchmann)

„Black Box Diaries“ (Japan, USA, Großbritannien 2024)

Dass Frauen und Mädchen weltweit in unseren ohnehin patriarchal-hierarchisch geprägten Gesellschaften wieder zunehmend schlechter gestellt und einer erstarkenden Misogynie, Missbrauch und Gewalt ausgesetzt sind, sollte allgemein bekannt sein. Schockierend ist umso mehr - wie in „Black Box Diaries“ zu sehen ist - wie schlimm es um die Gleichstellung in der Rechtsprechung selbst in einer vermeintlich modernen Demokratie wie Japan steht. Shiori Ito hat aus ihrem eigenen Missbrauchsfall ein bedeutsames und überraschendes Werk erschaffen, das alle betrifft. Sie stellt sich selbst in ihrer eigenen Geschichte dar, verwebt geschickt Videotagebuchauszüge und Selbstreflexionen mit Gesprächs- und Interviewsequenzen und auch Gerichtsszenen. Ohne jegliche vorhergehende Filmerfahrung erschafft sie sich so ihr ganz eigenes Filmformat, wächst daran und im Aufarbeiten ihres Falls über sich hinaus. Dieser gesamte Entwicklungsprozess ist wesentlicher Bestandteil ihrer Therapie, wir Zuschauer haben daran teil, sind nah dran mit gleichermaßen würdevoller Distanz. Ein packender Realthriller - der wichtigste Film in diesem Festival. (Christian Molik)

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Schöne Grüße und Viel Spaß beim Filme schauen

Euer FiWo Team